Dr. Elizabeth Odera, «Princy» oder «Dr. Liz», wie sie die Kinder nennen, ist Geschäftsführerin von Sadili. Sie weiss aus eigener Erfahrung, wie sehr Sport den Charakter prägen kann. Sie war einst eine der besten Tennisspielerinnen Kenias. Im Interview erzählt die promovierte Molekularbiologin, wie Sadili entstand und wie es gelingt in einem der grössten Slums der Welt kontinuierlich für die Kinder da zu sein.

Die vergangenen Monate waren mitunter von den Unruhen durch die Präsidentschaftswahlen geprägt. Dabei bezeichneten Teilnehmende und Eltern Sadili als «sicheren Hafen». Wie kam es dazu?

Als in Kenia 2007 wegen der Wahlen fast Krieg ausbrach, machten wir eine ähnliche Erfahrung. Die Gewalt nahm in Kibera beängstigende Ausmasse an. Insbesondere Frauen und Kinder waren schwer davon betroffen. Viele hatten nichts zu essen, waren verletzt oder vergewaltigt worden. Da versuchten wir, ihnen zu helfen. Sadili entwickelte sich zum sicheren Ort. Während alles und jeder angegriffen wurde, schützte die Community Sadili, weil ihre Kinder hier waren.

Wir bekamen sogar Gelder von der EU und dem Internationalen Olympischen Komitee. Damit stellten wir Decken und Essen bereit und boten medizinische Hilfe an. Das war eine beeindruckende Erfahrung für uns. Und so hat die Bevölkerung von Kibera begonnen, uns immer mehr zu vertrauen. Jedes Mal wenn etwas schief läuft, wissen sie, dass ihre Kinder in Sadili sicher sind. Das ist praktisch Allgemeinwissen geworden.

Was für Kinder kommen heute zu Sadili?

Sadili ist vor allem ein Ort der Kontraste. Es befindet sich zwischen den Quartieren der Mittelklasse und dem Slum von Kibera. Das ist eins der ärmsten Quartiere ganz Afrikas. Die meisten Menschen in Kibera leben in Häusern aus Karton und Wellblech – im Durchschnitt sind es sechs Personen auf vier mal vier Metern. Der selbe Raum, um zu kochen, essen, schlafen oder zu lernen.

Es gibt kaum Strom und fliessendes Wasser. Der Preis für Wasser ist gar einer der höchsten weltweit. Zudem hat es nur wenige Toiletten, obendrauf in schlechtem Zustand. Dies ist vor allem für Frauen und Kinder gefährlich, weil diese öffentlichen Toiletten oft nicht an sicheren Orten sind. Die Kinder haben Glück, wenn sie einmal pro Tag richtig essen und es mangelt an Plätzen und Raum, um zu spielen. Hier setzen wir an.

War das von Anfang an euer Plan, mit Kindern mit so unterschiedlichen Hintergründen zusammenzuarbeiten?

Am Anfang hatten wir nicht vor, uns so stark an die Kinder von Kibera zu richten. Es waren die Bewohnerinnen und Bewohner, die an uns herantraten. Aber weisst du, ich habe immer junge Menschen unterrichtet, betreut und ihnen geholfen, durch Sport neue Lebensziele zu definieren. Das machte zu Beginn für mich keinen Unterschied, ob es Jungs oder Mädchen waren. Und bei den Jungs passierte immer viel. Und es brauchte eine Weile bis ich merkte, warum kaum Mädchen da waren.

Du meinst, die Mädchen aus Kibera kamen nicht zu Sadili?

Nein, es kamen kaum Mädchen. Und wenn, dann nur sehr unregelmässig. Und es brauchte eine Weile bis ich merkte warum. Es hatte mit Sicherheitsbedenken der Eltern zu tun oder sie dachten, dass Mädchen keinen Sport treiben sollen. Von den Mädchen wird oft erwartet, dass sie im Haushalt helfen, sich um ihre Geschwister kümmern und ihre Eltern unterstützen. Die Eltern vergessen oft, dass ihre Töchter auch Kinder sind, genau wie ihre Söhne. Das sind Probleme, mit denen wir bis heute kämpfen.

Und wie geht ihr dagegen vor?

Das wichtigste ist, dorthin zu gehen, wo die Kinder die meiste Zeit verbringen: in den Schulen. Deshalb haben wir uns mit Schulen zusammengetan. Und über diese gelangen wir an die Eltern. Zudem sind wir sehr aktiv, organisieren Wettkämpfe und Quartiertreffen. Dadurch können wir den Eltern zeigen, was wir machen. Wir nutzen diese Gelegenheiten auch, um über Kinderschutz und Bildung für Mädchen und Jungen zu reden. Und darüber, wie Sport eine Rolle spielen kann.

Einige der Kinder sind auch sehr erfolgreich. Sie gewinnen Stipendien für die Uni. Oder ein Kind von Sadili spielte später gar im kenianischen Davis Cup Team. Ausserdem sind wir kontinuierlich da. So erkennen die Eltern den Nutzen unserer Arbeit. Sie akzeptieren uns.

Die Motivation, Sadili 1992 ins Leben zu rufen und die Probleme die ihr heute angeht, sind demnach nicht dieselben. Du wolltest eine Sportschule gründen, heute ist Sadili eine NGO.

Wir haben so vieles bewegt. Pro Jahr arbeiten wir mit 700 bis 900 Kindern zusammen. Bis 2019 wollen wir 2100 Kinder unter 12 Jahren betreuen. Insgesamt sind es mittlerweile 11 000 Menschen. Sadili hat unglaublich viel bewegt. Wir haben auch gemerkt, dass wir eine von wenigen Organisationen sind, die als soziales Unternehmen funktionieren. Das heisst, wir machen mit Sadili Geld, wenn auch begrenzt. Aber damit können wir unsere Programme aufrecht erhalten.

Und das Geld verdient ihr durch den Sportunterricht?

Wir verdienen Geld auf verschiedene Arten. Wir vermieten unsere Infrastruktur. Wir haben Übernachtungsmöglichkeiten, Büroräume, Sportgeräte und Küchen. Wir unterstützen andere bei der Durchführung von Sportanlässen. Und wir bieten verschiedenen Organisationen unser Fachwissen an, das wir als Coaches oder durch unsere Programme für Kinder erworben haben. Und ich werde auch oft als Rednerin engagiert. All diese Dinge bringen Geld. Wir sind ungefähr zu 47 Prozent selbsttragend und das hilft, um wiederkehrende Kosten zu decken.

Für die SAD war die Zusammenarbeit mit Sadili eine sehr positive Erfahrung. Wir hatten eine Partnerin mit starker lokaler Verankerung und einem guten Netzwerk zu Eltern, Schulen und Behörden im Boot. Auch das Team von Sadili war äusserst engagiert. Was hat Sadili aus der Zusammenarbeit mit der SAD mitgenommen?

Einerseits hat unser Team gelernt, wie es Sport und Spiel zur Vermittlung von Wissen an Kinder unter 12 Jahren einsetzen kann. Das war neu für uns, Sport so zu nutzen, dass die Kinder Lehren aus Spielen ziehen und nicht aus spezifischen Sportarten. Die SAD ist zudem stark in der Ausarbeitung von Handbüchern und in Monitoring und Evaluation. Zusätzlich hat uns die SAD den Bystander-Ansatz* näher gebracht und uns bei der Ausarbeitung der Kinderschutzmassnahmen unterstützt. Wir hatten bereits eine Strategie, doch diese war sechs Jahre alt und wir mussten sie überarbeiten. In diesem Prozess hat uns die SAD ausgezeichnet unterstützt. Nun haben wir einen guten Entwurf mit dem auch die Community einverstanden ist und welchen wir Ende Monat dem Vorstand zur Genehmigung vorlegen.

Und mehr als alles andere, spürten wir die grosse Begeisterung und das Interesse der Leute aus Kibera. Wir merkten es daran, wie die Eltern vorbei kamen und uns kleine Geschenke gaben und Dinge sagten wie: «Danke vielmals, dass ihr mein Kind unterrichtet!» Kibera ist nie ein sicherer Ort. Die Kinder müssen gewisse Dinge lernen, um zu überleben. Jungs und Mädchen. Aber vor allem die Kleinen sind für die Eltern oft Grund für die grössten Sorgen. Dies ist erst der Anfang und ich hoffe, dass sich dieses Projekt zu einem umfassenderen Programm entwickelt.

Das Interview mit Elizabeth Odera führte Nadia Lanfranchi.

 

*Der Bystander-Ansatz für sexuelle Gewalt durchbricht das Opfer-Täter-Modell und versteht junge Männer nicht in erster Linie als potentielle Gewalttäter. Auch junge Frauen sind nicht in erster Linie Betroffene von sexueller Gewalt. Der Ansatz versteht Männer und Frauen vielmehr als handelnde Personen, die zusammenarbeiten können, die intervenieren und Betroffene unterstützen.